Irre, einfach nur irre
Mir fehlt mein Blog. Wirklich. Nur die Zeit ist irgendwie gegen mich...Die letzten Monate waren sowas wie eine Superachterbahn auf Drogen. Ich versuch es mal von vorne. Mein Arbeitsbereich hat sich glücklicherweise von keimigen Kosmetiktheken auf schmutzige Baumärkte verlegt. Zuerst waren das Max Bahr Umbauten, dann Praktiker Umbauten, Obi Lampen Umbauten, Conrad Elektronics Umbauten, Obi Neueinrichtungen und und und.... Es hat sich natürlich ergeben, dass ich dazu auch ständig deutschlandweit unterwegs bin. Mehr oder weniger freiwillig.. Nicht, dass ich Reisen nicht mag. Im Gegenteil. Ich finde das herrlich, auch mal das Köfferle zu packen und einfach den Mief hier hinter mir zu lassen..
Natürlich(!) kommt man dabei auch mit anderen Menschen in Kontakt. Und ja... Da war einer ganz Besonders. Einer, der zugehört hat. Einer, dem es auch nicht so toll ging und trotzdem geholfen und unterstützt hat, wie ich es noch nie in meinem Leben erleben durfte. Und wenn es nur der Scheiß Einkaufskorb war.
August
Wir wollen mal ehrlich sein. In meiner Familie war ich doch nur das Mütterchen, die eingekauft, geputzt, Wäsche gewaschen, verrotzte Nasen gewischt, Müll runtergebracht und fein gekocht hat. Whatever... Und dass ich zum Beispiel von Montag bis Freitag in Hamburg gearbeitet habe, hat die Situation eigentlich hauptsächlich nur verschärft. Für mich. Weil mich dann eben alles an einem Wochenende schaffen musste. Meine Mädels haben wirklich versucht, auf ihre Weise zu helfen und zu unterstützen. Doch von meiner starken Schulter - kein Zeichen. Im Gegenteil. Meine Schulter war nach wie vor drei Mal im Jahr im Urlaub, hat sich ausgiebig über fehlende Sachen im Kühlschrank beschwert und sich ansonsten hauptsächlich unsichtbar gemacht.Und doch bekam ich zu meinem 40. Ehrentag eine Reise auf die Malediven geschenkt. Alleine. Klar. Wer will schon mit der Nörgeltante in den Urlaub... :) Aber hey!! Malediven!! Wie cool!! Wer denkt, ich sag sowas ab, weil ich Angst habe, mich auf´m Flughafen zu verlaufen - Pech... :)
Oktober
Und doch, trotz feiner Geschenke, irgendwann reifte der Entschluß, mein Leben zu ändern. Tatsächlich saß ich eines Tages, total am Ende, auf meinem Sofa und habe beschlossen, mein Leben zu ändern. Weil es so, wie es war, einfach nicht mehr zu ertagen war.. Was nützen mir denn Geschenke, wenn ich als Mensch nicht mal wahrgenommen werde? Wenn niemand die Einsamkeit und den unendlichen Kummer spürt, der mich die ganze Zeit schon begleitet? Ich. Die Hausmama. Die nie-auf- -den-Tisch-hauende, harmoniesüchtige, naive, Augen-zu-alles-wird gut KUH!!!Und ja, doch. Ich habe es getan. Ich habe die Chance ergriffen, mit einem Mann zusammen sein zu können, der - tatsächlich - mit MIR zusammensein will..
Man stelle sich vor. Mit mir und will und noch zusammen in einem Satz.... :)
Den Abend, als ich meinem Mann die Neuigkeiten überbrachte, werde ich iemals in meinem Leben vergessen. Als Antwort auf meine Ansage, lächelte er erleichtert, als wäre er endlich von lebenslanger Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld frei gesprochen worden. Zückte sein Handy und zeigte mit Foto´s mit ihm und seiner wirklich reizenden Freundin aus Thailand. Mit der er übrigens schon zwei Jahre zusammen war..... Alles klar. Soviel zur Augen-zu-alles-wird-gut Kuh..
Ja tatsächlich - ich fühlte mich ein weing überrumpelt.Und ja, plötzlich fielen mir nicht nur Schuppen von den Augen. Lass es Hausdächer sein...
Und - ich war plötzlich wohnungslos. Natürlich hatte ich wegen meines Faux pas sofort - wenn möglich gestern- die Wohnung mitsamt meinen Sachen zu räumen..
Schlechtes Timing.
November
Am 03.11. rief mich meine Mutter an und klagte über unglaubliche Schmerzen im Arm, den sie sich eine Woche vorher gebrochen hatte. Fast zwei Stunden habe ich am Handy verbracht, um von unterwegs aus einen Arzt zu bewegen, der die schwer krebskranke Frau mit Schmerzen zu Hause aufsucht. Die meisten meinten, dass ich sie halt ins Krankenhaus bringen sollte. Klar, ihr Vollidioten. Ich bin in Schwerin!!!!! Abends rief mich dann eine junge Ärztin an und teilte mir sehr fröhlich mit, dass meine Mutter morgen früh ins Krankenhaus darf. Suuuper...Am nächten Tag bekam ich eine SMS von meiner Mutter, dass sie uns liebt und dass ich ihr bitte ihr Beautycase bringen soll. Mach ich..
Einen Tag später rief mich eine Ärztin des Krankenhauses an und fragte mich, ob ich wüßte, wie es um meine Mutter steht. Klar. Sie hat leider Krebs und einen gebrochenen Arm. Schweigen am Telefon.
Da wußte ich schon, dass hier etwas gar nicht stimmt.
Tiefes Luftholen der Ärztin und dann die Frage, ob das o.k wäre, wenn sie meine Mutter auf die Palliativstation verlegen würde.
Mir hat es die Füße weggezogen.
Wir wissen alle, was das heißt.
Auf meine ziemlich dämliche Frage hin, ob meine Mutter dann wieder auf eine normale Station käme, fragt mich die Ärztin, wo ich wäre. Und ob ich so schnell wie möglich kommen könnte. Das war an einem Mittwoch.
Freitag war ich im Krankenhaus. Meine Mutter lag, mit Schmerzmitteln und Morphinen und weiß Gott noch alles zugepumpt im Bett. Doch als sie mich sah und erkannte, klingelte sie nach dem Pfleger, ließ sich in einen Rollstuhl packen um mit mir eine auf dem Balkon zu rauchen. Sie hat nach den Mädels gefragt und nach der Frida. Und mir erzählt, dass sie gerne ihren Frieden mit einigen Menschen gemacht hätte. Ich weiß nicht, wie sie an diesem Tag ausgesehen hat. Mir liefen einfach nur die Tränen. Das war einfach alles zuviel.
Dieses Häufchen Elend im Rollstuhl hat mir fast jeden Mut genommen. Jetzt habe ich wirklich realisiert, dass ich tatsächlich bald ganz alleine bin.
Sonntags war ich nochmal da, um ihr zu sagen, dass ich auf Arbeit fahre, aber so schnell wie möglich zurückkomme. Doch an diesem Tag hat sie schon nicht mehr auf mich reagiert. Die Mädels waren mit dabei und haben Abschied genommen. Und ich saß dabei und habe die Hände meiner Mutter angestarrt. Niemals werde ich den Anblick der Hand meiner Mutter vergessen. Und das Entsetzen darüber, dass die ihr den Nagellack abgemacht haben. Die getrauen sich was. Wenn die Erika wieder wach wird und sieht, dass die Schwestern den Perlmuttglanz entfernt haben, brennt die Bude!!!
Nun, die Bude brannte nicht. Meine Mutter, mein Nervtöter, meine Freundlin und Beschützerin ist in dieser Nacht für immer von uns und mir gegangen. Unser gemeinsamer Weg war hier einfach zu Ende.
Zwei Wochen später ging mein Flieger nach Male.
Die Wochen waren kein Spaß. Ehrlich. Was ich sagte - falsch. Wie ich es sagte - auch falsch. Nun ja, eigentlich so wie immer. Nur, dass ich eben mit meinem Freund telefonieren konnte. Und mein Ex mit seiner Thaiblume skypen. Schon lustig, wenn jemand mit dem Laptop am Fenster rumbalanciert, um Schnee in Thailand zu zeigen... :) Nee, echt jetzt!! Das IST lustig!!
Verabschiedet hat sich niemand von mir. Mein Freund. Klar. Meine Familie nicht.
Die Zugfahrt nach Frankfurt war die Hölle. Sollte ich jetzt fahren? Könnte ich nicht einfach zu Hause bleiben und mich um eine Wohnung kümmern? Was ist, wenn mein Freund - verständlicherweise- die Nase voll hat und wieder zu seiner langjährigen Beziehung zurückgeht? Geh ich auch zurück? Nein Keinesfalls. Der Drops ist gelutscht. Irgendwann saß ich im Flieger und fühlte mich wie in einem Scheiß französischen Drama, in dem kein Mensch versteht, um was es eigentlich geht..
Malediven
Warm. Unglaublich warm. Ich hab trotzdem gefroren. Mein seelischer Zustand ließ eben einfach keine Wärme zu. Doch diese kleine Insel Embudu ließ es nicht zu, dass ich den Mut verlor. Die Einsamkeit hier zwang mich regelrecht dazu, meinen Kopfsalat irgendwie für mich durch zu kauen. Wieder und wieder den Augenblick zu erleben, an dem mir meine Schuppen von den Augen fielen. Den Schmerz über den Verrat und die Lügen und des Verlustes immer wieder zu erleben. Wie die Wellen des Meeres kamen sie. Mal stärker. Mal schwächer. Das war wie Folter. Manchmal dachte ich, es sei das Beste, einfach in das Meer zu schwimmen bis ich nicht mehr kann und dann einfach aufzugeben. Und dann saß ich am Strand und schimpfte mich innerlich eine weinerliche, blöde Kuh. Was hab ich denn verloren? Jemanden, der mich gar nicht mehr wollte? Ist das jetzt schlimm oder was? Meine Mutter. Das war schlimm. Doch Krebs ist nun mal ein Ungeheuer. Und sie hätte ganz bestimmt nicht gewollt, dass ich ins Meer gehe, um mich von Haien anfressen zu lassen. Und was hab ich denn noch? Na, meine Mädels. Gesunde, lebensfrohe, schöne Kinder, die sicherlich den Schmerz eines Abschiedes nicht nochmal verdient haben. Und einen Freund, der sich sicherlich wirklich freut, wenn ich wieder zu Hause bin. Na also. Kopf hoch jetzt. Schnorcheln. Fische gucken. Kraft tanken. Mit den Engländern um zehn ein kaltes Bierchen trinken. Tanzen. Ein bisschen traurig sein. Ja. o.k Aber nieee wieder diese Episode mit der Frau und dem Meer!!!!!!So langsam bekam ich auch wieder die Zähne auseinander... Es ist eben so, wie es ist. Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist das auch nicht das Ende...
Und siehe da, Tags darauf lag ein Fax unter meiner Tür, dass wir nicht mehr wohnungslos sind. Geht doch :)
Weihnachten
Total verrückt. Ich bin mit meinem Freund zusammengezogen. Erschwerderweise liegt diese Wohnung genau gegenüber meiner alten Wohnung. DAS ist wirklich irre.. Wir beide sind mit einer Matraze, einem Campingkocher und ein paar geborgten Gartenmöbeln in eine riesige Wohnung gezogen. Kalt. Wirklich... :) Dieses Weihnachten waren ja nun das Erste, an dem ich nicht wirklich mit meiner Familie zusammen war. Nicht, dass ich Weihnachten so liebe. Nee, echt nicht. Aber ich habe immer das Zusammensein mit meinen Lieben so genossen. Doch das war irgendwie nicht möglich. Ein furchtbares Hin und Her - wo sind die Kinder hier, wann sind sie dort?? Wer nimmt die Hunde??? Einfach nur Chaos. Da waren sie mal bei uns essen, mussten dann aber schnell wieder weg, weil die Oma kommt. Mein Freund hat den Heiligabend mit seinem Sohn bei seiner Mutter verbracht. Zumindest einen Teil davon. Und ich habe meine Kinder so schmerzlich vermisst.. Am Ende saß ich alleine in der Küche und hab mir mittels Rotwein und Wodka die Kante gegeben. Geht auch mal...Am Meisten haben mir die Anrufe meiner Mutter gefehlt, die so gerne an Feietagen gegen zwölf Uhr nachts total unter Tabletten angerufen und gefragt hat, ob wir gleich da sind. Der Kaffee ist gedeckt und so. Das hat mich richtig fertig gemacht. Ständig hab ich mein Handy gecheckt... Bis ich dann komplett naus und lachend über meine vollkommene Verblödung einfach - eingeschlafen bin. Keine Geister. Keine Diskussionen. Keine Krankenwagen mitten in der Nacht. Dafür morgens einen Mords Kater. Aber da war ja schon der 26. Also Weihnachten - vorbei... :) Auch das war geschafft...
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