Dienstag, 17. Januar 2012

* Das geheimnisvolle Haus

Mein beruflicher Weg scheint wie ein Sammelsurium aus kleinen Verrücktheiten zu bestehen. Mal fahre ich wochenlang durch die Gegend, um verschmierte Lippenstifte, keimige Tester und Wimperntuschen aus den Kosmetiktheken zu sortieren. Mal stehe ich auf einem Festivalgelände um T-Shirts und Jacken an den Mann, bzw. die Frau zu bringen. Wiederrum stehe ich mir die Füße in den Hintern, um sich selbst überschätzende "Künstler" zu bewachen...
So wunderte ich mich gar nicht, dass ich eines Tages mit meiner Heidi unterwegs war, um mir die technischen und praktischen Fähigkeiten des Heizungsablesens an zueignen.
Das Objekt war ein Hochhaus im Chemnitzer Zentrum, welches jedoch seit zwei Jahren unbewohnt ist. Bis auf eine kleine Ausnahme. Zwei Mieter und eine Archivstelle des Finanzamtes leben nach wie vor im zweiten Stock in diesem kalten, leeren Kasten.
Schon nach dem Betreten des Hauses beschlich mich ein mulmiges Gefühl und meine Nackenhaare schienen meinen Schal wegschieben zu wollen....
Hier sieht es aus wie in einem schlechten Horrorfilm. Als hätte jemand die Menschen einfach weggebeamt. In den Fluren zu den Wohnungen lagen noch Schuhabtreter, Namen standen auf den Klingelschildern, Kunstblumen schlängelten sich geschmacklos um Spione, durch die keiner mehr sehen wird...
Und ich staunte nicht schlecht, als ich mit Heidi eine Wohnung nach der anderen betrat. In einigen schien es, als wären die Menschen einfach mal zum Brötchen holen gegangen. Wasserflaschen standen auf der Fensterbank, ein Handtuch lag noch auf dem Badewannenrand und die Seife, die seit mehr als zwei Jahren keiner mehr brauchte, trocknete in ihrem Spender vor sich hin....
Das war der beste Fall. Eine Wohnung später kann das schon anders aussehen. Schon beim Öffnen der Tür schlug uns bestialischer Gestank entgegen. Dieser Geruch schoss direkt von der Nase in meinen Kopf, um sich anschließend mit einem Affentempo in meine Magengegend zu verkrümeln.... Nicht ohne spontanen Brechreiz zu hinterlassen... Na Klasse. Der Mieter dieser Wohnung schien es mit der Zielgenauigkeit seines Geschäftes nicht besonders genau zu nehmen... Oooor neee! Und wir mussten auch noch in das "Bad" um den Heizungstand abzulesen...
Also - tief durchatmen!!! Kein Witz, das hilft. Wenigstens so lange, wie man die Augen zu hat...
Unfassbar, wie manche Menschen leben können.....Wenn man das als Leben bezeichnen möchte...
So arbeiteten wir uns von Etage zu Etage, staunten über klinisch reine Wohnungen und unglaublich eklige Sauställe. Wir amüsierten uns prächtig über den Geschmack mancher Menschen. Also ehrlich, in manchen Wohnungen hat man das Gefühl, der Mieter wollte mehr, als er konnte!! ;))
Und so kamen wir an die letzte Wohnung im vierten Stock. Die liegt etwas abseits um die Ecke. Als wir vor der Tür standen, schauten wir uns fragend an. Die Tür war eingetreten, der Riegel des Türschlosses hing nur noch einige Millimeter im Scharnier. Ein Kind kann da mit einer Nagelfeile rein...
Heidi schloss auf und wir betraten die Wohnung. Sofort standen meine Nackenhaare wieder auf Alarm. Wieder schauten wir uns an und getrauten uns kaum, etwas zu sagen....
Zigarettengeruch lag hier in der Luft... Wie war das möglich? Seit Jahren sollte diese Wohnung leer stehen. Wir beschlossen, so schnell wie irgend möglich hier fertig zu werden.... Und wie zur Bestätigung unseres mulmigen Gefühles fanden wir in der Küche in einer Ecke eine Packung Fleischsalat und Brötchen in einer Bäckertüte....
Or, mennu! Raus hier!!!! Wer weiß, wer sich hier verkriecht.....
Uns so sahen wir zu, dass wir aus dieser Bude und dann gleich in die nächste Etage kamen...
Wir widersetzten uns dem strickten Rauchverbot und qualmten gleich im Treppenhaus eine..
Mensch, meine Nerven!! Die letzten Wohnungen schafften wir in Rekordzeit, was weniger daran lag, dass ich endlich diesen Sch... Ablesecomputer beherrschte.
Also, das mit dem Ablesen überlege ich mir noch. Weil wir im Normalfall immer alleine unterwegs sind und ich absolut keinen Bock habe, bei irgendeinem Gestörten in der Höhle rum zu steigen...

2 Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben, ich glaube - es ist auch gut nachvollziehbar für Leser, die eben mal nicht wie wir durch leere Wohnungen stiefeln müssen.

    Ich freue mich, dass euch beispielsweise das Entdecken einer in Spinnennetzen verwebten Mumie erspart geblieben ist. Immer daran denken, in Karl-Marx-Stadt ist alles möglich - da interessiert sich niemand dafür, wenn der Nachbar ein paar Tage, oder Monate nicht zu sehen war. Die Stadt der Moderne ist grausam anonymisiert.

    Ich habe beim Lesen wieder einmal mit Schrecken festgestellt, dass es mich vor nix mehr zu ekeln scheint. Dieses Abgestumpftsein beweist im Grunde nur, dass ich etwas anderes machen "müsste". Ich hätte für uns beide eine super Geschäftsidee - Tatortreiniger, du das Formelle, ich das Grobe...nur leider kann sich der Freistaat das nicht leisten...aber vielleicht die superreiche GGG?

    AntwortenLöschen
  2. Na die auf jeden Fall! Und zu tun hätten wir wohl reichlich... ;) Doch ich befürchte, die ersten Einsätze wären wohl kompliziert. Weil ich wahrscheinlich eher damit zu tun hätte, nicht auch noch in diesen Tatort zu bulimieren, als mich um das Formelle zu kümmern.... Aber das bekommen wir auch noch hin... ;))

    AntwortenLöschen